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Thursday, November 8, 2012

Ein Kommentar zu Spiegelfechter's Austerity-Kritik

Der bekannte Blog Spiegelfechter hat einen viel kommentierten Artikel veröffentlicht: "Griechenland - Wenn marktkonformer Zynismus ein Land vor die Hunde gehen lässt". Ich habe zu diesem Artikel nachstehenden Kommentar abgegeben.


Vorab: ein Reformpaket, das zu 25% (und bald mehr!) Arbeitslosigkeit führt und selbst nach knapp 3 Jahren noch keine positive Perspektive aufzeigt, kann nur als Versager eingestuft werden. Soviel dazu.

Ein Reformpaket, das weder von einer Regierung als „das ihre“ und schon gar nicht von der Bevölkerung mitgetragen wird, kann nur ein Versager werden. Die griechische Regierung hat von Anfang an das Reformpaket ihren Bürgern als etwas verkauft, was „die Troika von Griechenland verlangt“. Eine bessere Vorgangsweise, Widerstand bei der Bevölkerung (und passiven Boykott im Staatsapparat!) zu erzeugen, gibt es wohl nicht.

Ich behaupte, dass ein Außenseiter gar nicht richtig einschätzen kann, wie der griechische Staat sinnvoll sparen und welche falschen Maßnahmen er vermeiden sollte. Dazu ist das „griechische System“ viel zu komplex und vernetzt. Deswegen werde ich Details auch nicht kommentieren. Faktum ist jedoch, dass das jetzt bewilligte Paket Maßnahmen einschließt, die laut Memorandum vom Mai 2010 bereits 2010 umgesetzt werden hätten sollen.

Bis Ende 2011 hat Griechenland 13,2 MrdEUR gespart. Die Einsparungen kamen fast zur Hälfte von zurückgenommenen Investitionen. Dümmer kann man nicht sparen! Die für mich unbeantwortete Frage ist, wer hat solche Dummheiten verursacht? War die Troika wirklich so dumm oder war es Griechenland selbst, das Dummheiten den Vorzug gegenüber jenen wichtigen (und sehr schwierigen!) Entscheidungen, die bis heute noch nicht getroffen wurden, gegeben hat?

Faktum ist, dass den sehr signifikanten Einsparungen von 13,2 MrdEUR eine Erhöhung der Primärausgaben von 28,1 MrdEUR in der Zeit von 2006-09 gegenüberstehen. Kurz und gut: man ist noch weit davon entfernt, den Staat auf seine Größe von 2006 zurückzufahren. Details in diesem Artikel:

http://www.greekdefaultwatch.com/2012/09/greek-arithmetic.html

Sparpaket hin und her, man kann ein solches Vorhaben nicht sinnvoll umsetzen, wenn man nicht parallel dazu eine Investitionsoffensive im Privatsektor startet. Man muss Griechenland dafür kritisieren, dass es diesbezüglich fast nichts unternommen hat; man muss aber auch der EU den Vorwurf machen, dass ihr diese Weisheit noch nicht eingefallen ist. Diesbezüglich ein paar beispielhafte Punkte:

• 12 MrdEUR an EU-Strukturförderungen wären ‚abholbereit‘. Mitte 2011 wurde die EU Task Force ins Leben gerufen, um Griechenland bei der Aufbereitung von 180 Projekten zu helfen. Faktum ist, dass diese 12 MrdEUR noch nicht abgeholt werden konnten.
• Vor einem Jahr besuchte eine deutsche Wirtschaftsdelegation Griechenland. Bei Ouzo und Retsina kam Begeisterung für eine Vielzahl neuer Investitionsprojekte auf. Drei Monate später war der Spuk wieder vorbei (laut Deutschland „wegen der Griechen“; laut Griechenland „wegen der Deutschen“).
• Mitte 2011 präsentierte McKinsey auf 500 Seiten über 100 Investitionsprojekte, die im Laufe von 10 Jahren über 500.000 neue Jobs schaffen und 50 MrdEUR mehr GDP schaffen könnten. Darüber gab es nicht einmal eine Diskussion in Griechenland.
• Mitte 2011 präsentierte Roland Berger einen kreativen Vorschlag, Staatseigentum zu monetisieren (ohne sofortigen Verkauf an „Fremde“) und es mittels 20 MrdEUR Investitionen zunächst einmal auf Vordermann zu bringen. Die Reaktion Griechenlands? ‚Nicht einmal ignorieren!“.
• Bis heute ist das Wort ‚Auslandsinvestitionen‘ noch nicht so richtig in den griechischen Sprachgebrauch aufgenommen worden.

Nun ein positives Gegenbeispiel. Vor zwei Jahren leaste die chinesische Cosco die Hälfte des Hafens Piräus vom Staat. Seither wurde dort das Volumen verdreifacht und Cosco investiert derzeit über 300 MioEUR in eine Erweiterung (die griechische Seite des Hafens agiert wie gehabt, übrigens mit Spitzengehältern von 180.000 EUR p. a.). Um über ein solches erfolgreiches – und für die ganze griechische Wirtschaft beispielhaftes - Projekt zu erfahren, muss man schon die NYT oder ChinaDaily lesen. In Griechenland wird darüber nicht geredet.

http://www.nytimes.com/2012/10/11/business/global/chinese-company-sets-new-rhythm-in-port-of-piraeus.html?pagewanted=1&_r=1
http://www.chinadaily.com.cn/business/2012-06/19/content_15514418.htm

Der langen Rede kurzer Sinn: Griechenland hat viel unausgeschöpftes Potential (und den Mythos von geheimen Öl-/Gasreserven schließe ich da noch gar nicht mit ein). Man tut bisher nichts, dieses Potential zu heben. Primär dafür verantwortlich wäre Griechenland, das Land scheint aber dabei überfordert zu sein. Deswegen wäre die EU gefordert, Griechenland aufzuzeigen (sozusagen als ‚Entwicklungshelfer‘), wie es sein Potential heben könnte. Ein buchhalterisches Streichkonzert bei Staatsausgaben wird das nicht schaffen!

6 comments:

  1. Cosco und der Hafen von Piräus

    Ihr Lesehinweis:
    http://www.nytimes.com/2012/10/11/business/global/chinese-company-sets-new-rhythm-in-port-of-piraeus.html?pagewanted=1&_r=2&

    Der Bericht über den von den Chinesen gepachteten und bewirtschafteten Teil des Hafens von Piräus und dessen Prosperieren bestätigt die These des „Culture matters“. Lediglich 7 chinesische Manager sorgen für die Durchsetzung von vernünftigen Arbeitsabläufen und organisieren die gesamte Arbeit nach rationalen ökonomischen Gesichtspunkten. Zugleich ist der Preis für den Faktor Arbeit den Einnahmen Coscos angemessen: das steht jedenfalls zu vermuten. Ich glaube kaum, daß es sich um Ausbeuterlöhne handelt. 23.300 Dollar im Jahr bedeuten ca. 1.500 Euro pro Monat.
    Allerdings: Wenn die Kritik an mangelnden Sicherheitsstandards stimmt, dann sollte das schleunigst abgestllt werden.

    In seiner Schlichtheit, Direktheit und politischen Unkorrektheit wirft dieser Artikel ein Schlaglicht auf griechisches Arbeiten und Wirtschaften: easy going und easy living. Eine Handvoll Chinesen zeigen den Griechen, daß es auch anders geht.


    Eine Frage am Rande:
    Wie oft kommt es vor, daß es im Hafen von Piräus Temperaturen von um die Null Grad gibt oder gar darunter?
    “He said his bosses had blacklisted him several weeks earlier after he left the steering compartment of a crane when the heater broke one snowy morning, leaving his hands too cold and stiff to control the giant machine from his post 49 feet above ground.”
    Ich kann es kaum glauben. Da muß man sich halt warm anziehen; und ein paar Handschuhe täten das Ihrige.

    Bakwahn


    Meine ursprünglichen Fragen haben sich nach der Lektüre des Artikels erübrigt; sind beantwortet.
    [Wie ist die personelle Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft? Ich meine die ethnische; wie viele Griechen und wie viele Chinesen arbeiten dort? Wie ist die ethnische Verteilung; von den Containerbrücken- und Van-Carrier-Fahrer über die Arbeiter und Handwerker in den Werkstätten bis zu den kaufmännischen Angestellten der Verwaltung und des geschäftlichen Managements?]

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    1. Very interesting, all, and I am still rereading what Klaus wrote.

      The Greek TV is very much present in the house where I live: I hear the latest news, and the comments on it. Also the news from relatives and friends in Greece. So, I am well informed, not onesided, not thinking and expecting that it is there as "we" in the way that you, me, all who live in "western" Europe, are used to, and know how it works in our countries, but also well informed about how it really works in the practice of the daily Greek life, in the way that we, here in the house, are shocked about, and where you will be shocked about, and will be more shocked about in the future, when more and more of the truth of the real life will be unveiled in the media, worldwide.

      Your "western" question has been asked too early. You will have to wait for many years before this question can even be heared or answered.

      Most important is to dig up all needed >basic< information, because THAT is not even there. To SEE and watch with opened eyes how it IS there, in each single mind, in all what is accepted there as normal and what is so shocking bad. To write it down, all, make an official report, and to start with reorganising, archiving, cleaning the country from ill systems and creating new, working sytems. The job is incredible difficult, and maybe not even possible.

      It would be the best to adopt Greece. European countries, adopting Greece. Not with money only: it will disappear in the gutter because of the ill systems and not opened minds and eyes for the reality. To dismiss all people from >all< leading, high professions. They have proved not to be capable. They can be sent away into Europe for a positive brainwash by just being with, and following, colleagues, or maybe better: to offer them the most simple jobs, the base of the society elsewhere in Europe, outside of Greece, to learn how it works there and how real life in Europe is, with a much lesser income than they, Greeks, were used to, to find out what it means to live in a working system. To offer their Greek jobs to those in Europe who have the skills and the intelligence to do it and help Greece to overcome these black times.
      To help Europe, the world, you and me, not to loose Greece and all its Beauty. We need Greece.
      The country is not only bankrupt in a financial way.
      High Intelligence and Knowledge are GOLD in the deep dark times of the present.

      This is how I see it.

      Maybe I sound simpel. I am not an economist. I am not a politician. In fact I am nothing in the amount of all problems in Greece. But my heart wants to write anyway.

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    2. Antoinette Janssen

      You come from Norway.

      The Norwegian people said NO to Europe.
      The Norwegian People said NO to the European Union.
      The Norwegian People said NO to the common currency, the Euro.

      The reason why the Norwegian people said NO to EU is very simple to understand:
      The huge oil and gas reserves in the North Sea which made Norway very very rich.

      In other words: The Norwegian people do not want to share its big money and its big wealth and its big richness with the poorer countries of Europe. The Norwegian people want to enjoy their wealth alone.

      So why do write here????

      You write: "We need Greece."

      If the Norwegian people need Greece than you and your country can help Greece and you can adopt Greece. You can give big money and you can change “the ill systems” and you can help the Greece to “open minds and eyes for the reality” Fine, good idea. Do what you think you must do. Later in the future you will see how happy you will get with the Greece.

      Read the novel of Nikos Kazantzakis „Alexis Sorbas“, or watch the movie with Anthony Quinn in the title role. This novel and this movie is an “eye-opener” about Greece, Greece, its way of life and its very special mentality hahahahahahahahaha

      We need Greece ??????? We Germans do not need Greece.


      Bakwahn
      PC-Support und Netzwerkadministration
      Hamburg Bangkok Düsseldorf

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  2. Klaus, firstly my apologies for not writing in German. It is very rusty.

    You should have been a copywriter - "Ein buchhalterisches Streichkonzert bei Staatsausgaben wird das nicht schaffen!"
    - - - Priceless!! (And I am going to pinch it too!).

    As to the Chinese, they are no better in their thinkng. Sure, Piraeus is now three times as busy. As Bakwahn has pointed out, the working conditions there are particularly Chinese and enforced in a Chinese manner. Not much hope for democracy there.

    If Greece is to get out of her problems, Chinese thinking does not fit the bill any more than EU, German or American thinking. Reducing humanity to one common denominator wastes enormous talent - yet it seems it is the only thing governments understand.

    As to your comment about Greece's potential oil reserves. Whether true or not -they are effectively irrelevant as the exploration and preparation will take a decade or more. Greece needs to be sorted out in five years max.

    Thankyou for posting this thoughtful article. Gemma

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    1. My English is rusty, too.
      So I write in German. Much better than English hahahaha

      Gemma, you write:
      "If Greece is to get out of her problems, Chinese thinking does not fit the bill any more than EU, German or American thinking. Reducing humanity to one common denominator wastes enormous talent - yet it seems it is the only thing governments understand."

      "If Greece is to get out of her problems ..."
      Wie denn bitte? Die Griechen kommen niemals aus dem Schlamassel.

      "Reducing humanity to one common denominator wastes enormous talent"
      Wunderbar! Ich antworte darauf:
      Ein jedes Volk soll nach seiner Fasson glücklich werden.

      !!! Und dies jeweils auf eigene Kosten!!!

      Die Griechen können leben und arbeiten und feiern wie sie wollen, aber diesen Lebensstil sollen sie dann bitte auch selber bezahlen.

      Gemma, lesen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis "Alexis Sorbas", oder schauen Sie sich die gleichnamige Verfilmung an mit Anthony Quinn in der Titelrolle.
      Der Roman entstand 1946 und wurde dann 1964 verfilmt. Beide präsentieren uns auf sehr sympathische Weise griechische Lebensart, Mentalität und Eigensinn. Der wohlhabende englische Schriftsteller Basil finanziert den Wiederaufbau und die Inbetriebnahme eines Braunkohlebergwerks auf Kreta. Er trifft auf Alexis Sorbas, den er als Vorarbeiter und "Manager" des Projektes einstellt, das vielen Kretern sichere Arbeit und guten Lohn bringen soll. Das Bauprojekt endet aufgrund von Sorbas' katastrophalen Fehlern und Fehlverhalten in einer Katastrophe. Am Ende hat der Investor sein Geld verloren, es gibt keine Arbeit für viele Kreter und auch kein Einkommen. Alles ist wie quasi vorher. Aber beide, Sorbas und Basil, tanzen frohgemut einen Sirtaki am Mittelmeerstrand. Na fabelhaft!
      So wie dieser Sorbas tickt, so ticken die meisten der Griechen bis heute.

      Wegen dieser griechischen Lebensart, Mentalität und diesem Eigensinn drohen uns Deutschen (und auch den Holländern !!!) gewaltige finanzielle Verluste. Nur sind die meisten Deutschen nicht so humorvoll und so nachsichtig wie dieser englische Schriftsteller Basil, der mit fernöstlichen buddhistischen Weisheiten seine finanzielle Katastrophe verwinden kann.

      Bakwahn
      PC-Support und Netzwerkadministration
      Hamburg Bangkok Düsseldorf

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    2. Bakwahn

      thankyou for that story. If you don't mind, I shall use it. Imitation is the sincerest form of flattery (Oscar Wilde).

      To be brief, I shall address what I consider the core of the issue. "Ein jedes Volk soll nach seiner Fasson glücklich werden. Und dies jeweils auf eigene Kosten." - To which I wholly concur. There are many sides to this, because money is something fluid and dynamic, not fixed and immobile as most people imagine. The real issue here is that industrialization has brought us the possibility to have a happiness that is way beyond the ordinary. In a very real way, we are buying this at the expense of the future. If for no other reason that it must be ever more efficient - the economy of scale and all. The Germans are no less guilty of this than anyone else.

      On topic: even with this astonishingly lavish style of living, people are still unhappy! Driving a lorry (an amazing conglomeration of technology and imagination) should be one of the wonders of the world - yet the people who step into them are bored and listless. More because of the way they are treated by others - as an interface between the GPS and the steering wheel.

      Really on topic: people like my truck driver (they used to be Brummis, only not now it seems) should not look for their happiness from outside. They cannot expect their boss to recognize their needs to be kept interested in their work - work does not have to be interesting. You are paid after all. Which brings to facing your point: the Greeks should afford their lifestyle.

      The Greeks should first find a happiness that needs no money to buy it. When you have that, you can buy the little luxuries that make life sparkle. The first is essential, the second optional.

      That is not only humanly possible, Germans can do it too. It does take a lot of work though.

      Gemma (alumni of the Bangkok Patana School).

      PS If you are interested in my thoughts on modern industry you can sign up for my reply to John Fancher's 30-day email challenge. Thirty days of emails on one topic. You can find it here

      http://thecatswhiskers.nl/marketing-portal.html

      If you sign up, you will not be pestered with sales letters or spam. My lifestyle allows me to get by with only a handful of clients - two to be precise. Which should tell you that I have done what I say others should do. Not only that, it works. Finding happiness in yourself is something Bhudda himself understood.


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